Warum 10km laufen, wenn ich schwimmen kann?

Seit langem hatte ich mir vorgenommen ein 10km-Schwimmen anzugehen. Dieses Jahr ergab sich endlich die passende Gelegenheit. Das Marathon-Schwimmen im Hallstätter See nördlich vom Dachsteingebirge bot sich an, mich auf dieser Distanz zu testen. Dass mich nicht in erster Linie die Länge an die Grenze der Leistungsfähigkeit bringen würde, kam allerdings sehr unwartet.

Der Hallstätter See liegt wunderschön im oberösterreichischen Salzkammergut und wird von der Traun durchflossen. Wie heißt es auf Wikipedia so schön: „Bedingt durch den starken Durchfluss der Traun ist die Wassertemperatur relativ niedrig und erreicht auch im Sommer selten mehr als 16 °C.“

Meine Quellen hatten mir etwas von 19°C zugeflüstert, das hörte sich nicht so schlimm an, bezog aber nicht ein, dass es bedingt durch weitere Zuflüsse aus den hohen Bergen und unterschiedliche Tiefen deutliche Schwankungen nach unten gibt, die auch große Gebiete betreffen, die zu durchschwimmen waren. Ich entschied mich also für den kurzen dünnen Neo – ich bin doch so abgehärtet…

Die Veranstaltung beginnt am Ziel, wo man die Startnummern, Badekappen und Transponder bekommt, dann erfolgt der Transport zum Start am anderen Ende des Sees. Dort geht es mit 130 Startern entspannt und ohne Bedrängnis los. Anfangs ist mein Kopf einfach nur leer, man weiß einfach nicht, was alles noch so kommt. Doch recht bald beherrscht mich ein Gedanke: kalt!!! Ich habe Eisfüße und kalte Oberarme, schon bevor es an der ersten Labestation bei etwas mehr als  zwei Kilometern zu einem kurzen Landgang geht. Ich bin recht benommen und taumel einen kleinen Hügel zur Verpflegung hoch, um dann durch feuchtes Gras wieder Richtung See zu rutschen. Hier bin ich eine zeitlang mit drei Männern unterwegs, doch bald siegt die unterschiedliche Orientierungsfähigkeit und man driftet in verschiedene Richtungen. Weiterhin einfach nur kalt und kälter, man kommt jetzt in den tiefsten Bereich des Sees, den man hier nach einer 90°-Wende zum anderen Ufer hin quert und dann auf die zweite Labestation zuschwimmt. Meine Arme werden langsam schwer. Bei der folgenden Verpflegung bleibt man im Wasser, mit einer Hand am Ponton festhaltend. Wenig mehr als die Hälfte ist geschafft – und um die 1:40h vergangen. Von einer Zeit unter drei Stunden kann ich mich verabschieden.

Es geht weiter, ich versuche mich an eine kleine Gruppe zu halten, aber es geht einfach nicht! Irgendwie treibt es mich immer wieder Richtung Ufer von den Bojen weg, ich komme einfach nicht vom Fleck. Die Füße sind zwar inzwischen aufgetaut, mir ist auch insgesamt nicht mehr so kalt, aber die Kälte scheint mir die Kraft aus dem Körper gesaugt zu haben. Und immer wieder kommen eisige Abschnitte, ich möchte schreien…

Eigentlich kommt jetzt der schönste Abschnitt der Strecke, man schwimmt am idyllischen Hallstatt vorbei. Wenn man fit wäre, könnte man den Blick genießen. Ich hingegen wünsche mich nur noch zur dritten und letzten Labestation, die unendlich weit weg zu sein scheint, aber irgendwann erreiche ich sie doch. Wieder ein Ausstieg, irgendetwas in den Mund stecken und trinken, Blick auf die Uhr, mit normalem Tempo wäre die Zeit noch halbwegs zu retten, aber keine Wunschzeit mehr drin. Doch was ist hier schon noch normal?

Ich springe wieder ins Wasser und fühle mich erstmal halbwegs erholt für die letzten 2,1km. Doch auf dem Weg zur letzten Wendeboje werden die Arme schnell wieder schwer. Und nach dem letzten Richtungswechsel geht nichts mehr. Das Ziel kommt nicht näher, die Muskulatur verweigert die Arbeit. Den direkten Weg zum Ziel bekomme ich auch nicht mehr hin, nehme strömungsbedingt einen Umweg. Die Arme zentnerschwer, ich kriege sie kaum noch bewegt. Doch irgendwann, endlich, nach unendlichen Minuten des Kampfes, ist das Ziel doch da. Ich richte mich auf, wate Richtung Land und heule vor Erschöpfung. Meine Familie empfängt mich voller Sorgen und nimmt mich in die Arme. Drei Stunden und neun Minuten hat die Qual gedauert, keine Sekunde lang wirklich Spaß gemacht. Nachdem ich zunächst keine Kälte mehr gefühlt habe, beginnt schlagartig das große Zittern, das mich bestimmt eine halbe Stunde nicht mehr verlässt. Doch zum Glück ist es ein warmer Tag mit über 25°C Lufttemperatur und Sonnenschein. Irgendwann hat sich der Körper wieder erwärmt und ich bin einfach nur kaputt, weniger die Muskulatur, eher das Gesamtsystem.

Man wartet lange, bis auch die letzten das Wasser verlassen habe, weit mehr als zwei Stunden nach mir, bei an unterschiedlichen Stellen gemessenen Wassertemperaturen zwischen 15 und 19°C – wie hält man das aus? Endlich beginnt die Siegerehrung und ich darf diesen einzigartigen Pokal als Drittplazierte in der weitgefassten Altersklasse entgegennehmen – nie habe ich mir einen Preis härter erkämpft und mehr verdient.

In den Tagen danach folgt im Gegensatz zu anderen Marathonleistungen kein Muskelkater, auch insgesamt fühle ich mich nicht erschöpft. Aber ausnahmsweise habe ich mal keine Lust zum Schwimmen. Es ist ein schöner Urlaub am Lago di Garda mit Abschluss in Venedig – ohne Schwimmtraining!

Fotos: ©Acampora

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